Das Paradox Radikaler Innovation

GERO LUEBEN

Was ist Radikale Innovation und warum wird sie mit einem Paradox in Verbindung gebracht?

Radikale Innovation wird mit einer enormen Verbesserung der Leistungsfähigkeit (Performance) und einem Technologie-Wandel in Zusammenhang gebracht. Manchmal kann es in Form einer Verlagerung von bereits existierenden Produktausführungen auftreten oder indem es ein komplexes Probleme (von großer Bedeutung) löst in einer Form, wie es bestehenden Produkten nicht gelungen ist. Das setzt oftmals eine höher entwickelte Technologie voraus, die ein Ergebnis von erweiterten Fachkenntnissen ist.

 


Ein Beispiel in diesem Sinne sind die ersten biopharmazeutischen Medikamente. Sie waren als radikale Innovationen zu betrachten, weil sie eine komplett andere Technologie verwenden (biologische Produktionsmethoden anstelle von chemischer Synthese) und auf medizinische Probleme ausgerichtet sind, die nicht von vorhandenen Medikamenten gelöst werden konnten.

 

In welcher Hinsicht unterscheidet sich Radikale Innovation von disruptiver Innovation und inkrementeller Innovation?

Disruptive Innovationen sind Innovationen, doch nicht alle Innovationen sind disruptiv. „Disruption“ hat eine besondere Bedeutung, indem sie im wahrsten Sinne des Wortes alles entwurzelt und verändert: unser Denken, wie wir uns verhalten, Geschäfte machen, lernen und unseren Alltag angehen.

 

Professor Clayton Christensen von der Harvard Business School sagt, dass disruptive Innovation einen existierenden Markt, eine Branche oder Technologie ersetzt und etwas Neues und Effizienteres, etwas Wertvolleres produziert. Sie wirke destruktiv und kreativ zugleich.

 

Im Gegensatz zu radikaler Innovation, kommt eine disruptive Innovation zunächst mit einer geringeren Leistungsfähigkeit daher als andere Produkte (gemessen an den verwendeten Bewertungsmetriken einer Branche). Als Ergebnis dessen ist sie zunächst nicht von besonderem Interesse für bestehende Nutzer oder Kunden. Weiterhin werden disruptive Innovationen von einem Markt angenommen, der aktuell nicht gesättigt ist oder überhaupt nicht bedient wird. Mit anderen Worten: sie bedienen ein Marktsegment, das zuvor nicht existierte und nicht notwendigerweise auf radikalen technologischen Innovationen basieren muss.

 

Radikale Innovationen sind nur selten als disruptiv einzuordnen, da diese, wie oben erklärt, oft das Ziel haben, vielmehr die Grenze der Leistungsfähigkeit zu erweitern als nicht gesättigten oder noch nicht bedienten Märkten zu dienen.

 

Dahingegen beziehen sich inkrementelle (schrittweise) Innovationen auf ein bereits existierendes Produkt. Sie werden über vorhandene Absatzkanäle sowie an bereits bestehende Kunden verkauft. Nicht zuletzt ist ein bestimmter ROI für die nächsten 3 Jahre zu erwarten.

 

Die Nutzer werden zur Quelle Radikaler Innovation

Wenn Patente im herkömmlichen Sinne auf der Idee des Erfinders basierten, so sind immer mehr Urheber heutzutage nicht in der Lage, vorauszusagen, wofür die Erfindung letztlich genutzt werden wird. Der Nutzen wird durch die Nutzung selbst gefunden, in Zusammenarbeit mit den Nutzern, die so zur Quelle radikaler Innovation werden.

Letzteres trifft für neue Ideen zu, die eine große Anzahl von Menschen / Technologien beeinflusst und die ein hohes Maß an Unsicherheit mit sich bringen. Das Paradox radikaler Innovation liegt in der Tatsache, dass sich Innovation dann am meisten rentieren kann, wenn die größte Unsicherheit eingegangen wird. Um genauer zu sein: wenn man eine radikale Innovation umsetzt, ist es oft sehr unsicher, wie diese angewandt wird. Zum Beispiel handelt die gesamte Geschichte der Fernsprechwesens davon, mit dieser Unsicherheit umzugehen. Denken wir nur daran, dass, als der Festnetzanschluss erfunden wurde, die Leute das Telefon nicht hauptsächlich benutzten, um Konzerte live zu hören (wie zunächst vom Erfinder geplant).

 

Je radikaler die Innovation, umso größer die Unsicherheit, umso mehr ist Innovation durch Nutzererfahrung gefragt, um herauszuarbeiten, wofür diese Technologie tatsächlich gebraucht wird. Als Mobiltelefonanbieter SMS entwickelten, hatten sie keine Ahnung, wofür diese Technologie verwendet würde. Erst als diese Technologie in die Hände der Kunden kam, konnten sie die tatsächliche Nutzung entwickeln.

 

Die erfolgreichen Unternehmen sind oft jene, welche realisieren, dass es schwierig ist, radikale Innovation allein aus dem Inneren des Unternehmens heraus zu fördern. Ein Beispiel: Im Jahr 2000 entschied sich Procter & Gamble damit aufzuhören, Innovation aus einer Perspektive zu verstehen, die auf internen, detaillierten Kriterien basiert. Stattdessen wählten sie einen strategischeren Ansatz, indem sie entschieden, 50% ihrer Produktideen und  -technologien außerhalb von P&G zu akquirieren.

 

Im Laufe der folgenden 3 Jahre, sahen sie einen dramatischen Rückgang in den R&D-Ausgaben während der Firmenertrag insgesamt durch neue Produkte stetig wuchs. Und weil sie wussten, dass sie an einer großen Sache dran waren, entwickelten sie „open“ Innovationsstrategien und optimale Vorgehensweisen und bauten so ihre führende Position im Innovations-Feld dramatisch aus.

 

Zusammenfassung

Aufgrund der herkömmlichen Denkweise, die sich allein auf einen unmittelbaren ROI konzentriert und aufgrund der Angst vor Veränderung und Misserfolg, sind die großen Ideen von morgen nur schwer zu finden in den Mainstream-Märkten von heute. Für gewöhnlich haben große Unternehmen die Tendenz, Erfolg aus der Vergangenheit zu stützen und das ist der Grund, warum es schwierig für sie ist, neu entstehende Märkte ausfindig zu machen. Eine Folge davon ist, dass aufkommende Märkte oftmals von passionierten Nutzern bevölkert sind, die so zur Quelle großer Innovationen werden.

 

Firmen sind bestrebt, radikale Innovation zu erreichen, doch diese Ideen, die eine große Zahl von Menschen / Technologien beeinflussen, bringen normalerweise jede Menge Unsicherheit mit sich, was Firmen zögern lässt, den Sprung in das Unbekannte zu wagen. Was sie wirklich begreifen sollten, ist, dass sich radikale Innovation dann am meisten rentiert, wenn die größte Unsicherheit in Kauf genommen wird. Es ist ein Paradox, das über den klassischen ROI hinausgeht und Unternehmen in die Lage versetzt, die Welt zu verändern, in der wir leben.

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